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Fachforum Soziale Arbeit

Unter dem Titel „Fachforum“ finden seit 2009 in loser Reihe Veranstaltungen statt. Es werden Fachvorträge gehalten und es gibt die Möglichkeit zum Austausch. Vortragende aus dem In- und Ausland treffen auf Lehrende der Fakultät Sozialwesen, wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, Studierende, Kolleg*innen aus der Praxis und von anderen Hochschulen.

Manche Vortragende präsentieren einen von ihnen selbst entwickelten Ansatz. So etwa Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt (Stuttgart) der einem breiten Publikum die Entwicklung seiner „ökosozialen Theorie Sozialer Arbeit“ vorstellt oder Prof. Dr. Hans Thiersch (Tübingen), der sein Konzept der „lebensweltorientierten Sozialpädagogik“ erläutert.

Der Psychoanalytiker Rainer Funk (Tübingen) trägt über den„entgrenzten Menschen“ vor und nimmt dabei eine an Erich Fromm anschließende sozialpsychologische Sichtweise ein. Prof. Dr. Adalbert Evers (Gießen) fragt ländervergleichend danach, ob sozialer Zusammenhalt durch „Soziale Innovationen“ entstehen könne. Er präsentiert die Ergebnisse einer Studie über Stadtteilinitiativen, die quartiersbezogen Vernetzung, Selbsthilfe und direkte Unterstützung entwickeln.

Im „Fachforum“ geht es auch um die ethics of care. Der niederländische Professor Dr. Andries Baart (Utrecht) spricht über die Ethik der Achtsamkeit (niederländisch: Zorgethiek) und darüber, was durch „Präsenz“ erreicht werden kann: Was es bewirkt, wenn Menschen sich zu anderen setzen, sie durch fürsorglich-achtsames Mitsein begleiten. Die schwedische Professorin der Politikwissenschaft Helena Olofsdotter Stensöta (Göteborg) spricht über die Ethik der Achtsamkeit (schwedisch: Omsorgsetik) in Bürokratie und Verwaltung. Sie fordert, care-ethische Belange sollten bei allen staatlichen Maßnahmen berücksichtigt werden. Insbesondere bei behördlichen Ermessensentscheidungen können relevante, ansonsten vernachlässigte Aspekte einbezogen werde.

Das „Fachforum“ setzt trans- und interdisziplinär an. Es regt dazu an, theoretische und empirische Forschungsergebnisse verschiedener Disziplinen aufzugreifen. Sie werden diskursiv auf Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit zu bezogen.

Fachforum Soziale Arbeit - Rückblick auf vergangene Veranstaltungen

Das Fachforum am 6. November 2014 trug zur Weiterentwicklung der Ethik der Achtsamkeit als einer kritischen Theorie bei und zeigte deren Relevanz für eine ‚kritische Praxis‘ auf. Der Frage, ob eine intersubjektive Ethik der Achtsamkeit Wirkung in Institutionen entfalten kann, wurde in Vorträgen im Hinblick auf den Gesundheitssektor und auf sozialstaatliches Verwaltungshandeln nachgegangen.

Professorin Elisabeth Conradi eröffnete das Fachforum, indem sie einleitend zwei Denk­bewegungen erläuterte: Zum einen führt der Weg von einer Makro-Analyse der Strukturen zur gelingenderen Hilfe, Unterstützung und Assistenz. Zum anderen können ausgehend von der Reflektion dieser gelingenderen Praxis politische Prioritäten vorgeschlagen werden. In diesem Fall wird der Weg vom Sozialen zum Politischen beschritten. Elisabeth Conradi formulierte vier Fragen: Sind soziale Interaktionen von achtsamer Zuwendung durchzogen? Was kann sozialberuflich Tätige darin unterstützen, sich achtsam zuzuwenden? Inwiefern können institutionelle Rahmen­bedingungen die Kultivierung achtsamer Zuwendung unterstützen? Welchen Beitrag kann die Politik zu einem Wandel struktureller Rahmenbedingungen leisten?

Achtsamkeit, Anteil­nahme und das Wirken der Präsenz

Sodann sprach der niederländische Prof. Dr. Andries Baart mit Lehrstuhl für „Presentie en Zorg“ (Präsenz und Fürsorge) an der Universiteit voor Humanistiek in Utrecht, Niederlande über Achtsamkeit, Anteil­nahme und das Wirken der Präsenz.

Andries Baart gab einen Einblick in die von ihm durchgeführte qualitative Studie zum Phänomen der „Beachtung“ (Achtsamkeit). Zu Beginn grenzte er den Begriff „Beachtung“ definitorisch von anderen Begriffen wie Aufmerksamkeit, Konzentration, Fürsorge, Achtung oder auch Empathie ab und wies auf die Schwierigkeit der Beobachtung des Phänomens aufgrund seiner Instabilität hin. Anschließend erläuterte er, wie er mit Hilfe der Methode der Grounded Theory die Erscheinungs­formen von Beachtung auf drei niederländischen Onkologiestationen untersucht hat. Im Rahmen der Studie konnten drei verschiedene „Care-Kulturen“ identifiziert werden, die auch gleichzeitig auftreten können: die „in sich selbst gekehrte Care-Kultur“, die „offene Care-Kultur“ und die „relationale Care-Kultur“.

Im Anschluss an den Vortrag gab es insbesondere von Studierenden und Leitenden der Studien­gänge Erziehungshilfen/Kinder- & Jugendhilfe, Soziale Arbeit im Gesundheitswesen und Soziale Arbeit in Pflege und Rehabilitation Rückfragen und Diskussionsbedarf. Im Hinblick auf die Forschungsmethode wurde gefragt, inwiefern Pflegekräfte und Ärzt_innen über das Interesse der Forschenden informiert waren. Thematisiert wurden der Zusammenhang und die Wechsel­wirkungen zwischen der vorherrschenden Kultur und dem individuellen Handeln des Personals. Denn trotz einer etablierten instrumentellen Kultur, kann auch Personal beobachtet werden, das eher an den Bedürfnissen der Patient_innen orientiert ist. Es zeigte sich ferner, dass dieselbe Person verschiedene Patient_innen mal mehr und mal weniger achtsam (careful) behandelt. Care-Kulturen sind dementsprechend nicht in erster Linie von der Persönlichkeit, sondern auch stark vom Kontext, der Situation und dem organisatorischen Rahmen beeinflusst.

Neben den Ähnlichkeiten und Unterschiede zur klientenzentrierten Gesprächstherapie (Rogers) wurde insbesondere die Interdisziplinarität der Ethik der Achtsamkeit (Zorgethiek) hervorgehoben. Erörtert wurde auch die Frage, wie die mithilfe der grounded theory interpretierten Ergebnisse der empirischen Forschung zu einer philosophischen Theorie führen könnten, denn früher galt der Weg „from is to ought“ als problematisch. Andries Baart stellte den Übergang von der Empirie zur Theorie nicht als Sprung, sondern als eine schrittweise Annäherung dar.

Die Ethik der Achtsamkeit in Bürokratie und Verwaltung

Den zweiten Vortrag hielt die schwedische Professorin der Politikwissenschaft Helena Olofsdotter Stensöta von der Göteborgs Universitet über Die Ethik der Achtsamkeit in Bürokratie und Verwaltung.

Helena Olofsdotter Stensöta schlug vor, die Ethik der Achtsamkeit (Omsorgsetik) zu erweitern und explizit den öffentlichen Sektor einzubeziehen. Sie definierte „öffentliche Care-Ethik“ unter Bezug­nahme auf vier Schlüsselbegriffe: Aufeinander-angewiesen-Sein, Beziehungen, Verantwortung und Aufmerksamkeit für Kontexte. Care-ethische Belage sollten im Sinne einer „öffentlichen Care-Ethik“ bei allen staatlichen Maßnahmen von den ausführenden Institutionen berücksichtigt werden. Insbesondere bei behördlichen Ermessensentscheidungen kann die Perspektive einer „öffentlichen Care-Ethik“ den Fokus auf relevante, ansonsten vernachlässigte Aspekte richten. Helena Olofsdotter Stensöta diskutierte hinsichtlich der Einschätzung von Bedürfnissen die Methode der Beratschlagung und kritisierte, dass eine alleinige Orientierung an den Wünschen und Interessen der Klientel die Frage nahelegt, worin dann die Professionalität der Mitarbeitenden liege. Anhand diverser Beispiele, wie der Wohnungspolitik, der Stadt- und Infrastrukturplanung, der Wirtschafts­politik oder auch der Strafverfolgung zeigte sie auf, welche Auswirkungen eine öffentliche Care-Ethik haben könnte.

In der anschließenden Diskussion wurden die erwähnten Beispiele aufgegriffen und einzelne Aspekte, wie z.B. die Abstinenzorientierung innerhalb der Suchthilfe, kritisch hinterfragt. Teilweise wurde die Gefahr gesehen, dass eine öffentliche Care-Ethik sich in Form von paternalistischem, staatlichem Handeln realisieren könnte. Helena Olofsdotter Stensöta betonte, dass die Care-Ethik in einigen Teilbereichen des öffentlichen Sektors bereits in dem entsprechenden Professionalitäts­verständnis integriert sei.

Theoriewerkstatt Ethics of Care - Europäische Stimmen am 6. und 7.11.2014

Im Anschluss an das Fachforum wurde eine Theoriewerkstatt durchgeführt. In seinem Eröffnungs­vortrag erörtere Professor Frans Vosman, der einen Lehrstuhl für Zorgethiek an der Universiteit voor Humanistiek in Utrecht innehat, die Herausforderungen einer europäischen Forschung. Diese äußern sich bereits in den Schwierigkeiten, geeignete Begrifflichkeiten in verschiedenen europä­ischen Sprachen zu finden (Zorgethiek, Omsorgsetik, éthique du care, ethics of care, etica della cura), aber auch die Diversität der Kulturen und Traditionen spiele eine Rolle.

Die Philosophieprofessorin Christina Schües von der Universität zu Lübeck thematisierte die Frage, ob die zentralen Begrifflichkeiten einer Sorgeethik (ethics of care) von der handelnden Person her gedacht oder ob explizit die Perspektive derjenigen Menschen eingenommen wird, die Assistenz und Unterstützung erhalten. Schües sprach über verschieden Dimensionen von Bezogenheiten und Beziehungen.

Die Philosophin Catrin Dingler, M.A., Dozentin an der DHBW Stuttgart, knüpfte an die Subjekt­kritik der frühen feministischen Diskussionen um die ethics of care an und zeichnete den Weg nach, auf dem diese Einsichten drohen verloren zu gehen. Sie erörterte, inwiefern die Dekon­struktion des modernen Subjekts lediglich die Subjekte vervielfacht und Intersubjektivität diversi­fiziert hat. Die frühe care-ethische Forderung nach einer „radikalen Transformation“ (Held) der Gesellschaft blieb dagegen unerfüllt.

Die Politikwissenschaftlerin Jorma Heier, M.A., Universität Osnabrück, sprach von  Verantwortung über zeitliche Distanz, die generationsübergreifend und historisch gedacht wird. Im Englischen wird der Ausdruck „Repair“ verwendet, wenn es darum geht, Sorge für das zerbrochene „Bezugs­gewebe menschlicher Angelegenheiten“ (Hannah Arendt) und für vergangenes Unrecht zu tragen. Heier fokussierte die relationale Verantwortung für vergangene Verletzungen, die Aus­wirkungen auf gegenwärtige Menschen und Strukturen hat. Bleibt die Reaktion auf historisches Unrecht aus, so stellt dies ein weiteres Unrecht etwa in Form „moralischer Verlassenheit“ (Margaret Urban Walker) dar. Heier betonte, dass Sorgetätigkeiten Fäden in ein weltumspannendes und welt­gestaltendes Beziehungsgewebe knüpfen, welches eine Welt überhaupt erst hervorbringt. Sie begreift die Welt als ein politisches Gebilde, das in dem entsteht, was Zwischen-den-Menschen ist: Ihren Beziehungen, Bezügen und Verhältnissen. Dass die von Menschen gestalteten Einrich­tungen in der Welt über die Lebensdauer einzelner Menschen hinaus Bestand haben, verdankt sich „aufrechterhaltenden, reparierenden und Fortbestand sichernden“ (Joan Tronto) Tätigkeiten.

Anne Cress, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der DHBW Stuttgart, verband zwei Stränge mit­einander: Die Ethik der Achtsamkeit und das Nachdenken über Zivilgesellschaft. Sie thematisierte den Umgang mit Gewalt in Partnerschaften und wies nach, dass es neben den von Gewalt betroffenen Menschen (Opfer) und den Gewalt ausüben­den Menschen (Täter_innen) eine dritte Kategorie gibt: Jene Menschen, die als ‚Dritte’ aufmerksam sind oder wegschauen. Sie können durch Hinsehen, Verstehen und Handeln die Gewalt in Partnerschaften verringern. Um dies zu verdeutlichen schlug Cress vor, zwischen „vereinzelten Dritten“ und „zivilgesellschaftlich handelnden Dritten“ zu unterscheiden.

Am 18. April 2013 fand das 6. Forum Soziale Arbeit der Fakultät Sozialwesen am Stuttgarter Standort der DHBW statt. Bei lauen Frühlingstemperaturen fanden sich an diesem  Donnerstagabend ca. 50 Personen ein, um den Beiträgen zum Thema „Innovationen in Sozialer Arbeit und Sozialwirtschaft erkennen, gestalten und anstoßen“ zu lauschen. Zu Beginn begrüßten der Dekan der Fakultät Sozialwesen, Prof. Dr. Günther Rieger, und der wissenschaftliche Leiter des Masterstudiengangs, Prof. Dr. Paul-Stefan Roß, die Anwesenden und führten kurz in das Thema Innovationen in der Soziale Arbeit ein.

Der erste Vortrag des Abends wurde durch Prof. Dr. Adalbert Evers, Professor für vergleichende Gesundheits- und Sozialpolitik an der Justus-Liebig Universität Gießen, gestaltet und hatte die Überschrift „Sozialer Zusammenhalt durch soziale Innovationen?“. In seinen Ausführungen stellte Evers dabei Ergebnisse einer ländervergleichenden Studie und konzeptionelle Überlegungen dazu vor. Als innovative Projekte präsentierte Evers mehrere Stadtteilinitiativen in Berlin Kreuzberg, die quartiersbezogen mit jeweils thematischen Schwerpunkten Vernetzung und Selbsthilfe, aber auch direkte Unterstützung für sozial benachteiligte Bewohner entwickelten. Die Projekte wurden von unterschiedlichen Trägern durchgeführt, orientiert an konkret identifizierten Bedarfen der BewohnerInnen des Bezirks Kreuzberg. Dabei wurden vor Ort gezielt die Potenziale eines Sozialraums mit den Bedarfen der Menschen gekoppelt. So wurden beispielsweise Firmen eingebunden, um Jugendliche in der zielgerichteten Berufsorientierung zu unterstützen; erwerbslose Frauen wurden in Schulungen zu „Stadtteilmüttern“ qualifiziert, um niederschwellig nachbarschaftliche Beratung und Unterstützung rund um Erziehung und Familie anzubieten; ein gemeinschaftlicher Garten wurde nach dem „urban gardening“ Prinzip geschaffen, um rund um das gemeinsame Gärtnern Gemeinschaft zu leben. In der von Evers anschließend vorgestellten vergleichenden Forschung auf EU-Ebene zum Thema soziale Innovationen zeigten sich die Gemeinsamkeiten der Projekte oft darin, dass sie einen Dienstleistungscharakter aufweisen, netzwerkbildend arbeiten und oft zur Stadtteilerneuerung beitragen bzw. für Bildung von Nachbarschaftszentren sorgen. Er stellte exemplarisch weitere Kategorien vor, in denen die Wirkung sozialer Innovationen darstellbar sind (Instrumente, Ansätze und Governance). Diese wurden anschließend mit der Frage nach einer neuen Wohlfahrtkultur diskutiert. Daran knüpfte Evers mit der Frage nach der Rolle von sozialen Innovationen für sozialen Wandel und Sozialreformen an und schlug von hier den Bogen zum Thema Politik, Machtinteressen und -befugnissen. Den Abschluss bildeten Ausführungen zum Aspekt „Soziale Innovationen als Herausforderung für die Wohlfahrts-Governance“.

Nach dem Ausführungen von Herrn Prof. Dr. Evers übernahm Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt, ehemaliger Leiter der Fakultät Sozialwesen der DHBW Stuttgart, mit dem Thema „Arrangements mit den Bürgerinnen und Bürgern – Ausgang nehmen von informeller Wohlfahrtsproduktion“. Zu Beginn seines Vortrags thematisierte Wendt zunächst Grundlegendes: Den Wechsel der Perspektive von den Einrichtungen Sozialer Arbeit hin auf die Mikroebene zum Menschen als Produzenten seiner eigenen, zunächst selbstständigen und gut funktionierenden Wohlfahrt.  Diese Hinwendung zum Menschen als Teil der sozialen Infrastruktur geschieht in den Schritten „Aktivierung“, „Personalisierung“ und „Partnerschaft“. Wendt stellte die These auf: Die Selbstsorge geht vor, denn Menschen kümmern sich um ihr Wohl – für sich, füreinander und gemeinsam in einer „Governance of Welfare“. Der Mensch ist als Regulator und Steuernder seiner eignen Wohlfahrt zu sehen. Von diesem  Bild ausgehend postuliert Wendt Empowerment als Unterstützungsmechanismus, um den Menschen wieder zur Erbringung der eigenen Wohlfahrt zu befähigen. Umgesetzt im Rahmen des Case Managements, erfolgt dies in einem miteinander abgestimmten Hilfeprozess, der selbst in schwierigen und komplexen Situation mit einer Eigenregie des Menschen rechnet und arbeitet. Seine Ausführungen verdeutlichte er am Beispiel des Social Service State-Modells von W. H. Beveridge. Nach diesem Modell soll der Staat bei der Bearbeitung der fünf großen Übel (Not, Krankheit, Unwissen, Elend und Untätigkeit) mit den Angeboten mithilfe von Geldleistungen oder Dienstleistungen an die private Daseinsvorsorge anschließen – komplementär und kompensatorisch. Dies bildet sich in der Steuerung dieser Leistungen auf unterschiedlichen Ebenen ab (Mikro-, Meso-, Markoebene), wobei jeweils unterschiedliche Logiken zu finden sind. Konkret wurde in den Angeboten an der Situation der individuellen Lebensführung der Menschen angesetzt. Neben klassisch reaktiven Angeboten wurde auf präventiv zugehende Unterstützung gesetzt und neue Medien als Zugang und Mittler genutzt. Auch das Übertragen von Eigenverantwortung durch selbstverwaltete Budgets für den Einsatz von Leistungen dockt an der privaten Daseinsvorsoge an. Dadurch werden angemessene Arrangements geschaffen, in denen den belasteten und benachteiligten Menschen Handlungsspielräume ermöglicht werden. Die eigens erbrachte Initiative wird anerkannt und einbezogen. Bezug nehmend auf das Thema des Abends zeigte Wendt mit diesem Ansatz auf, wie die Entwicklung und Entstehung von Innovationen „von unten“ - im Sinne der eigenen Wohlfahrtsproduktion – ermöglicht werden kann. Hierzu gehöre grundlegend die Anerkennung der „governance of Welfare“ der Menschen und eine Förderung oder Unterstützung dieser durch Rahmenbedingungen oder Input. Diese Perspektive auf das Thema stellte Wendt abschließend zur kritischen Diskussion. Exemplarisch zeigte er ebenfalls auf, wie ein Perspektivenwechsel für konkrete Felder der Sozialen Arbeit aussehen könnte und verwies darauf, dass die Grundeinstellung gegenüber einer Welfare Governance das entscheidende sei. Für einen ganzen Systemwandel, so Wendt, seien jedoch Umstellungen politischer, sozialwirtschaftlicher und sozialprofessioneller Natur nötig.

Im Nachgang zu den Ausführungen von Prof. Dr. Evers und Prof. Dr. Wendt waren die Anwesenden herzlich eingeladen über das Gehörte zu diskutieren und Fragen zu stellen - jedoch nicht bevor Evers und Wendt selbst miteinander über ihre Ansätze und Themen diskutierten und diese vergleichend  gegenüberstellten.

Es war ein spannendes Fachforum mit sowohl hochtheoretischen Ausführungen wie auch sehr praxisorientierten Darstellungen zum Thema soziale Innovationen. Die Veranstaltung gab den Anwesenden einen differenzierten Input für Ideen und Ansätze innovativer Projekte, aber auch die Möglichkeit, andere Perspektiven und Haltungen einzunehmen sowie sich kritisch mit Strukturen und Rahmenbedingungen sozialer Innovationen auseinander zu setzen.

Der entgrenzte Mensch. Wirkungen und Risiken modernen Entgrenzungsstrebens in Sozialpsychologischer Hinsicht

Es sind zwei Fragen, die Rainer Funk am 05.12.2011 in der Denktradition des kritischen Sozialpsychologen Erich Fromm einander gegenüberstellte. Was lässt die moderne Gesellschaft als eine gelingende erscheinen? Und - Ist das, was diese Gesellschaft dazu produziert auch gut für den Menschen? Diese zunächst konfrontativ erscheinende Gegenüberstellung von Gesellschaft und Individuum versuchte Funk im Vortrag einander anzunähern. Die Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde als eine entgrenzte analysiert. Technischer Fortschritt ermöglicht heute, dass es in allen Lebensbereichen möglich ist, den ewigen Wunsch der Menschheit nach Überschreitung von Grenzen in die Fähigkeit zur Beseitigung von Grenzen zu überführen. Die Globalisierung, die Flexibilisierung der Arbeitswelt und die Liberalisierung der Finanzmärkte sind Ausdruck dieses Prozesses und erzwingt die Ausbildung eines neuen Charaktertyps, den entgrenzten Menschen. Entgrenzung bezieht Funk auf alle Strebungen des Menschen, Grenzen zu beseitigen. Dies hat enorme psychologische Dimensionen und Folgen für den einzelnen Menschen.

Wie kann Leben gelingen, wenn Beziehungen verflachen, wenn Gefühle ausgeblendet und manipuliert werden? Wie soll Verständigung möglich sein, wenn alles erlaubt ist und jeder Regeln aufstellen kann und wenn das vermeintliche Glück des einzelnen mehr wiegt, als das, was für ein gemeinschaftliches Leben verträglich ist? Wie kann der Mensch aus der Erfahrung, dass  technisches Vermögen den eigenen Kräften haushoch überlegen ist, zu sich selbst finden und seine produktive Orientierung erhalten? Der Mensch, so Fromm und Funk, ist anthropologisch bedingt ein Individuum, das bezogen sein muss und von körperlichen, geistigen und seelischen Grenzen bestimmt wird. Dies zu verleugnen und zu übergehen überfordert, führt zum Burnout - Symptom kann soziale Konflikte schüren und macht das familiale Leben so schwer, dass Beziehungen die Qualität eines Kontaktes bekommen. In seinen Folgen hat Soziale Arbeit, die zum Gelingen des gesellschaftlichen und individuellen Lebens beitragen will, mit den gesellschaftlichen Auswirkungen zu rechnen. Diese nicht zu individualisieren, neue Formen der produktiven Orientierung zu finden und die Aufgabe, die feinen Mechanismen der Beteiligung an der Beseitigung von Grenzen wahrzunehmen und kritisch, auch öffentlich kritisch zu reflektieren, sind Herausforderungen.

Am 3. März 2010 fand das zweite Fachforum Soziale Arbeit an der Fakultät Sozialwesen der DHBW Stuttgart statt. Nachdem Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt beim ersten Fachforum die Entwicklung der ökosozialen Theorie Sozialer Arbeit einem breiten Publikum der DHBW vorstellen konnte, folgte nun Prof. Dr. em. Hans Thiersch, um das Konzept der „Lebensweltorientierten Sozialpädagogik“ darzustellen.

Beide haben wichtige Grundlagen für eine sozialarbeiterische und sozialpädagogische Theorie- und Praxisentwicklung geleistet und können auf ein bewegtes und bewegendes berufliches Lebenswerk zurückblicken.

„Lebensweltorientierte Soziale Arbeit und deren Bedeutung in den gesellschaftlichen Konflikten der Gegenwart“ war der Titel des Vortrags von Prof. Dr. Hans Thiersch. Im Rahmen seines Beitrags stellte er die wesentlichen Aspekte des Lebensweltkonzeptes vor, das mittlerweile seit 40 Jahren weiterentwickelt wird und der Profession und Disziplin Orientierung bietet. Sein im vergangenen Jahr erschienenes Buch „Schwierige Balance“ berichtet über Grenzen, Gefühle und berufsbiografische Erfahrungen.

Hans Thiersch ordnete seine Ausführungen nach vier Gesichtspunkten. Ausgangspunkt, damals wie heute, sei die Erfahrung der Ambivalenz moderner gesellschaftlicher Entwicklungen. Der soziologische Befund basiert auf modernisierungstheoretischen Überlegungen der zweiten Moderne und der Ausdifferenzierung der Gesellschaft mit der Folge von Individualisierung und Pluralisierung. In der Unübersichtlichkeit moderner Verhältnisse kämen neue Lebensbewältigungsaufgaben in den Blick.

Der bundesdeutsche Sozialstaat sah bis in die 90er Jahre in der Sozialen Arbeit ein Gegengewicht zu den Exklusionsdynamiken der industriestaatlichen Entwicklung. Mit dem Umbau des Sozialstaates unter der Prämisse „fordern statt fördern“ (Agenda 2010) und Globalisierungseffekten gerät der Sozialstaat an Grenzen. Privatisierung, Ökonomisierung und Flexibilisierung treffen auch die Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit. Thiersch führte aus, dieser Prozess gehe einher mit einem Wertewandel, der sich ebenfalls auf die Soziale Arbeit „entgrenzend“ auswirke. Gleichzeitig können die Probleme beispielsweise der Angehörigenpflege oder Kinderbetreuung nicht im familialen Kontext gelöst werden, weil die lebensweltlichen Ressourcen meistens nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Frage „nach der Henne und dem Ei“ lasse sich nicht klären.

Deshalb gelte, damals wie heute: Sozialpädagogische Hilfen brauchen  rechtsstaatliche Absicherungen. Das sei jedoch keine Selbstverständlichkeit. Dafür müsse gekämpft werden, so Thiersch. Soziale Gerechtigkeit sei als Verteilungsgerechtigkeit einzufordern. „Denn Soziale Arbeit ist ein professionelles Angebot moderner Daseinssorge“.
Hilfe ist und bleibt an den Adressatinnen und Adressaten orientiert. Von hier aus müsse beurteilt werden, wie der Fall liegt, was gebraucht wird, und wie das Problem zu lösen ist. Auf dieser ethischen Basis sei das Konzept Lebensweltorientierung ein Orientierungsrahmen für professionelles Handeln. Gleichzeitig braucht sozialpädagogische Hilfe einen sozialpolitischen Auftrag und Rahmenbedingen, um Hilfe zu ermöglichen. In den gesellschaftlichen Konflikten der Gegenwart um die Aushandlung der Ressourcen gilt es das Konzept zu stärken, als Haltung zum Menschen, Haltung zur Gesellschaft, Haltung zum Leben sowie zum Beruf im Sinne einer Berufung: Mitwirkung am „gelingenderen Alltag“.

Professor Thiersch ist es souverän gelungen, beim Vortrag und während der anschließenden Diskussion, Rede und Antwort zu stehen. Er machte auf seine Weise Mut, die aktuellen Probleme aufzugreifen.

Eine zuhörende Studentin dokumentierte das Fachforum Lebensweltorienierte Soziale Arbeit.

Am 1. September 2009 fand an der Fakultät Sozialwesen das erste Fachforum Soziale Arbeit statt.

Einen Vormittag kamen Lehrende der Fakultät Sozialwesen, KollegInnen aus der Praxis und anderen Hochschulen sowie Studierende zu Fachvorträgen und zum Austausch zusammen.

Den Einstieg gestalten der Rektor der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart und der Dekan der Fakultät Sozialwesen. Herr Prof. Dr. Weber begrüßt als Rektor die Anwesenden und würdigt die Bedeutung der Fakultät Sozialwesen im Kanon der Fakultäten der Dualen Hochschule. Im Anschluss führt Prof. Dr. Rieger als kommissarischer Dekan in den Fachtag ein. Er betont dass es einen dreifachen Anlass für dieses Fachforum gibt: Zum einen erhalten die Studierenden des zweiten Semesters die Möglichkeit, sich unmittelbar mit dem Vertreter einer wichtigen Sozialarbeitstheorie, dem ökosozialen Ansatz, auseinanderzusetzen. Sie haben sich im Laufe des Semesters mit unterschiedlichsten theoretischen Konzepten beschäftigt und können nun das erworbene Wissen im direkten Kontakt mit renommierten Fachkollegen erweitern. Zum anderen soll mit diesem ersten Fachforum die Tradition fachlichen Austauschs zwischen Theorie und Praxis erweitert werden. Geplant sind regelmäßige Fachforen die relevante Themen aus Wissenschaft und Praxis aufgreifen, in denen gegensätzliche Positionen durch anerkannte Fachvertreter präsentiert und von den anwesenden Praktikern, Studierenden und Lehrenden diskutiert werden. Wichtiger Anlass dieses ersten Fachforums aber war die mit dem 70ten Geburtstag von Herrn Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt verbundene Würdigung des Wirkens des Kollegen, der nicht nur als langjähriger Professor der Berufsakademie Stuttgart bekannt ist. Herr Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt hat die Entwicklung einer Sozialarbeitswissenschaft durch sein umfangreiches Werk wesentlich mit geprägt. Hervorzuheben ist hierbei der von ihm entwickelte Ansatz einer ökosozialen Theorie Sozialer Arbeit.

Sozialarbeitswissenschaft und die ökosoziale Perspektive wurden den TeilnehmerInnen in zwei Fachvorträgen präsentiert.

Pointiert hat Herr Prof. Dr. Mühlum den Weg einer sich als Sozialarbeitswissenschaft etablierenden Disziplin nachgezeichnet. Hier wurden bereits mit dem Titel „Sozialarbeitswissenschaft – eigensinnig, marginalisiert – vital“ pointiert die Besonderheiten und Herausforderungen der Disziplin deutlich. Handout Mühlum.

Den Ansatz einer ökosozialen Theorie der Sozialen Arbeit hat Herr Prof. Dr. Wendt in seinen Grundzügen präsentiert. Aus dieser Perspektive sind Aufgaben und Perspektiven Soziale Arbeit konkretisiert worden.

Beide Vorträge boten vielfältigen Anlass zur Diskussion. Fragen aus der Praxis der Sozialen Arbeit hatten hier ebenso wie Fragen, die sich aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven ergeben ihren Platz. Insgesamt haben sich so viele TeilnehmerInnen mit den Referenten in ein lebendiges Fachgespräch einbringen können.

Albert Mühlum, Günter Rieger (Hg.)
Soziale Arbeit in Wissenschaft und Praxis. Festschrift für Wolf Rainer Wendt

Jacobs Verlag, Lage 2009, 385 Seiten, ISBN 978-3-89918-181-4 Euro 19,90