Studierendenbericht: 6-tägige Exkursion nach Warschau und Treblinka - „Auf den Spuren von Janusz Korczak“

Exkursion nach Warschau und Treblinka
Exkursion nach Warschau und Treblinka

Die Exkursion, die vom 9. bis 16. Juni 2019 stattfand, wurde in Kooperation mit dem evangelischen Jugendwerk in Öhringen durchgeführt. Sie wurde von Daniel Febel, Mike Nienhaus, Sofia Kohler und Prof. Dr. Christiane Vetter, Studiengangsleiterin an der DHBW Stuttgart, organisiert. Die Reise bewegte alle Gruppenmitglieder, die daran teilnahmen. Die besondere Thematik der Exkursion, die durch Aufenthalte an historischen Stätten zu einem einzigartigen Erlebnis wurde, eröffnete lebhafte Diskurse in abendlichen Diskussionsrunden.

Die Möglichkeit zur Freizeitgestaltung und Ausschöpfung des kulturellen Potenzials Warschaus, sei es das vielfältige und günstige Kneipen- und Restaurantangebot oder auch entspannte Abende an den Ufern der Weichsel, ergänzten das Besondere dieses Aufenthalts in der polnischen Metropole. Auch die harmonische Atmosphäre in der ansonsten heterogenen Gruppe mit zutiefst unterschiedlichen Charakteren und Menschen aus verschiedenen Ländern trug sicherlich zum Reiz der Exkursion bei. So hat Janusz Korczak Spuren hinterlassen und uns motiviert, seine humanistische Pädagogik zu entdecken und Lehren daraus zu ziehen - um schlussendlich mit eigenen Positionen zum Weg der Humanität beizutragen. 

„Auf den Spuren von Janusz Korczak“ – bedeutete zunächst eine mehrstündige nächtliche Busreisen-Odyssee. Als wir am Mittag des Pfingstmontag 2019 in der polnischen Hauptstadt angekommen waren, hatten wir zunächst den Nachmittag zur freien Verfügung und konnten uns ein erstes Bild von unserer Umgebung machen. Uns erwartete - begleitet von strahlender Sonne, trockener Hitze und einem wolkenlosen Himmel, was die tagtägliche Wetterkombination während des Aufenthalts werden sollte - eine beeindruckende Mischung aus architektonischen Eindrücken, die die Stadt Warschau prägen. Die wiedererrichtete Altstadt, heruntergekommene Plattenbauten aus Ostblock-Zeiten, Altbauten aus dem 19. Jahrhundert und moderne Wolkenkratzer bieten eine saubere und erstaunlich ruhige Kulisse, die das ehemalige Ghetto nur noch erahnen lassen. 

An Wolken der diplomatischen Höchstleistungen kratzte Willy Brandt mit seinem Warschauer Kniefall während des Kalten Krieges. „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt “, äußerte Brandt in seinen Erinnerungen aus dem Jahre 1989 über Motive seines Kniefalls vor dem Denkmal des Warschauer Ghettoaufstands, einer der Stationen unserer Stadtführung durch das ehemalige jüdische Ghetto. Diesen Aufstand hat Janusz Korczak nicht mehr erlebt. Ein zentraler Erinnerungsort an ihn ist der sogenannte Umschlagplatz. Janusz Korczak, der als Henryk Goldszmit am 22. Juli 1878 oder 1879 in Warschau geboren wurde und vermutlich am 6. oder 7. August 1942 im Vernichtungslager Treblinka starb, wurde von dort mit seiner engsten Mitarbeiterin Stefania Wilczyńska und den Kindern des Waisenhauses verladen. Heute steht dort ein Mahnmal, das an das dunkle historische Kapitel erinnert und durch den Lärm der vorbeifahrenden Autos und die heutigen Wohnanlagen beinahe in Vergessenheit gerät. Unzählige Menschen mussten hier den Weg nach Treblinka antreten, was den sicheren Tod bedeutete. Wir hielten inne und manche Gruppenmitglieder formulierten Gedanken zur Situation, was für wenige Augenblicke die tragischen Momente der Vergangenheit ins Gegenwärtige transportierte und eine andächtige Stille entstehen ließ.

Eineinhalb Stunden Busreise von Warschau entfernt erlebten wir am nächsten Tag Treblinka: Zunächst den Duft des umliegenden Kiefernwaldes und dann die wabernde Stille, die wie ein ausgebreitetes Netz über dieser Örtlichkeit liegt. Ein Meer aus Grabsteinen für die unzähligen Toten des Lagers, das Denkmal für die gesprengten Gaskammern und die Überbleibsel von Habseligkeiten der Opfer im kleinen Museumsgebäude. Die Fahrt ins ehemalige Vernichtungslager Treblinka gehörte sicherlich zu den intensivsten Erfahrungen mit den nationalsozialistischen Grausamkeiten. Diese Spur zu Korczaks Leben, die mit am tiefsten wirkte, ist ein Appell an wahre menschliche Größe.

Am darauffolgenden Tag bot das Polin-Museum, das mit einer faszinierenden und technisch hochaufwendigen Ausstellung durch die Geschichte der Juden und polnischen Juden führt, Einblicke in eine jahrhundertelange Periode des Antisemitismus. Zeiten der religiösen Toleranz und gesellschaftlichen Achtung wechselten sich ab mit Zeiten der Diskriminierung und Verfolgung der Juden, die zur fast vollständigen Auslöschung der polnischen Juden während der nationalsozialistischen Besatzung von 1939 bis 1945 führte.

Auch das Korczakianum, das sich im historisch erhaltenden Waisenhaus, das Korczak ab 1912 leitete befindet, erfuhren wir Neues über sein Leben. Das Haus wird noch heute im Rahmen der polnischen Kinder- und Jugendhilfe genutzt und beherbergt die Korczak-Forschungseinrichtung. Marta Ciesielska stand uns einige Stunden zur Verfügung und unterstützte durch ihren deutschsprachigen Vortrag, ihre sympathische Art und ein herausragendes Faktenwissen den Wissensbedarf.