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Buch des Monats April und Mai 2026

Jonathan Haidt

Generation Angst 

Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und 

ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen

Australien hat im Dezember 2025 als weltweit erstes Land ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt. Dieser Vorschlag wurde in Australien überparteilich unterstützt und angenommen. Auch das EU-Parlament hat sich bereits mit großer Mehrheit für eine solche Maßnahme ausgesprochen. Unabhängig davon, wie man dieses politische Verbot bewertet: Dass soziale Medien nicht nur positive Seiten haben, sondern gerade bei Heranwachsenden negative Konsequenzen nach sich ziehen, lässt sich oft schon am eigenen Konsum feststellen.

Ich versuche seit Jahren, meinen eigenen Konsum sozialer Medien – und digitaler Medien im Allgemeinen – bewusst zu reduzieren. Viele Personen aus meinem Freundeskreis und Mitstudierende führen denselben Kampf. 

Warum ist das so? Weil wir die erste Generation sind, die mit sozialen Medien und unbegrenztem Internetzugang auf mobilen Endgeräten aufgewachsen ist. Wir kennen die Schattenseiten aus 
eigener Erfahrung: Doomscrolling, der ständige soziale Vergleich mit tausenden Menschen online oder die Konfrontation mit Hardcore-Pornografie noch vor dem ersten Kuss. Dass diese massive 
Verschiebung unseres Lebens in die digitale Welt tiefgreifende Folgen für unsere soziale Realität und unsere psychische Gesundheit hat, ist fast selbsterklärend.

Welche Konsequenzen das im Einzelnen sein können, untersucht Jonathan Haidt in seinem Buch „Generation Angst“. Der New Yorker Psychologieprofessor stellt in seinem 2024 erschienenen Bestseller die These auf, dass eine „smartphonebasierte Kindheit“ die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen massiv beeinträchtigt. Seine Kernbotschaft lässt sich wie folgt zusammenfassen:

„Eine Überbehütung in der realen Welt bei gleichzeitiger Unterbehütung in 
der digitalen Welt führt zu einer angstbesetzten, depressiven Generation.“

Besonders wertvoll an Haidts Arbeit ist, dass er nicht bei der reinen Analyse stehen bleibt, sondern konkrete Reformen fordert. Ein zentraler Vorschlag ist eben jener, der in Australien bereits umgesetzt wurde: „Keine sozialen Medien vor einem Alter von sechzehn Jahren.“

Haidts Thesen sind durchaus umstritten; kritische Stimmen hinterfragen den direkten kausalen 
Zusammenhang zwischen der Smartphone-Nutzung und psychischen Erkrankungen. Dennoch 
haben seine Forderungen aktuell massiven Einfluss auf weltweite politische Entscheidungen. Daher lohnt es sich, seine Argumentation zu lesen und sich konstruktiv mit seinen Schlussfolgerungen 
auseinanderzusetzen.

Ich empfehle dieses Werk allen, die digitale Realitäten kritisch hinterfragen – für die professionelle Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist es schlichtweg unverzichtbar.

 

Empfehlung von

Silas Blumenstock

SO24C

Buch des Monats Februar und März 2026

Martyna Linartas

Unverdiente Ungleichheit 

Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann

Martyna Linartas’ Buch hat mich sehr beeindruckt, weil es die Vermögensverteilung in Deutschland nicht nur mit Zahlen und Fakten, sondern auch mit gesellschaftspolitischer Tiefe beleuchtet. Die Autorin zeigt auf, wie ungleich Vermögen verteilt ist und wie sehr diese Ungleichheit durch Erbschaften gefestigt wird. Faszinierend ist dabei, wie Linartas herausarbeitet, dass Reichtum heute viel weniger mit eigener Leistung als mit dem Glück der Geburt zusammenhängt.

Das Buch ist sachlich fundiert und lässt sich dabei angenehm lesen.

Für die Soziale Arbeit ist die Analyse von Linartas besonders relevant, weil sie verdeutlicht, wie stark wirtschaftliche Strukturen und Eigentumsverhältnisse die Lebensmöglichkeiten von Menschen bestimmen. Wer in der Sozialen Arbeit tätig ist, wird immer wieder mit den Folgen und Auswirkungen von Armut und sozialer Ungleichheit konfrontiert. Das Buch liefert überzeugende Argumente, warum sowohl eine Umverteilung von Vermögen als auch grundlegende Strukturveränderungen notwendig sind.

Bemerkenswert ist die Kritik an der weit verbreiteten Annahme, Bildung sei der Schlüssel zur Überwindung von Armut. Linartas macht deutlich, dass die Verteilungsmechanismen in unserer Gesellschaft so mächtig sind, dass Bildung allein die Kluft zwischen Arm und Reich nicht schließen kann. Für die Soziale Arbeit bedeutet das, dass systemische Ansätze und politische Veränderungen genauso wichtig sind wie individuelle Förderung.

Das Buch belässt es nicht bei der Analyse, sondern bringt zusätzlich interessante Vorschläge ein, wie eine gerechtere Gesellschaft gestaltet werden könnte. Wer sich für soziale Gerechtigkeit interessiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen!

 

Empfehlung von

Sandra Herbst

Dekansassistentin

Buch des Monats Dezember 2025 und Januar 2026:

Tahsim Durgun

Mama bitte lern Deutsch 

Unser Eingliederungsversuch in eine geschlossene Gesellschaft

 

Ich empfehle dieses Buch, weil es bereits auf wenigen Seiten die Lebensrealität vieler migrantischer Jugendlicher in Deutschland auf eine so ehrliche und gleichzeitig humorvolle Art und Weise verdeutlicht. Bereits im ersten Kapitel beschreibt der Autor Durgun, wie er zusammen mit dem einzigen weiteren migrantischen Kind in seiner Klasse ein unbewusstes  Verständnis von einem Wir und einem Ihr gebildet hat. Nicht aus Abgrenzung, sondern aus dem Gefühl heraus nicht so sein zu dürfen wie die anderen. Die anderen Kinder kannten und erlebten „typische deutsche“ oder christliche Rituale, oder bereits eine ganz banale Situation von einem großen Sommerurlaub. Bei ihnen dagegen war der tägliche Alltag vom Warten im Asylverfahren und den Sommerferien in der Siedlung geprägt.

Der zweite Moment, der mich tiefgreifend getroffen hat, ist der namensgebende „Mama, bitte lern Deutsch“-Moment: Die Situation thematisiert ein Kind, welches einfach nur seinen Geburtstag kindgerecht feiern möchte, obwohl es gleichzeitig schon dasjenige sein muss, das für seine Familie Übersetzungen und Verantwortung übernimmt. Dieser Clash zwischen Kindsein und Funktionieren müssen zieht sich durch viele migrantische Biografien. Durgun erzählt diese Erfahrungen mit Humor, aber auch mit einer Ehrlichkeit, die solche Situationen nicht beschönigt, sondern aufklärt. Es ist die ideale Mischung, die dies für mich so besonders macht. Dieses Buch macht Lebenswelten sichtbar, 
die sonst schnell als Klischees eingestuft werden. Es zeigt, wie „Language Brokering“ entsteht, bevor diese Altersgruppe dafür überhaupt das Wort kennt. Es zeigt, wie Kinder Verantwortung tragen, die sie eigentlich noch nicht tragen sollten und die somit niemandem auffallen soll.

Mich fasziniert, wie sanft dieses Buch geschrieben wurde und wie hart trotzdem die Realität darin offenbar wird. Es zeigt den Zwiespalt zwischen dem Wunsch, sich anzupassen und der Möglichkeit als Kind so zu leben wie es für viele andere alltäglich ist.  Wie Kindheit und Pflichtgefühl miteinander vereinbart werden soll, ist die Frage. Obwohl Durguns Hintergrund nicht identisch mit meinem ist, habe ich mich selbst, meine Geschwister und viele Freund*innen darin erkannt. Es ist der Spiegel einer ganzen Generation, die oft die Ersten waren – die Ersten in Deutschland Geborenen, die Ersten mit Pässen, mit Papieren, die Ersten in der Schule, in der sie Wörtern lernten, die die Eltern noch suchten.

 

Dieses Buch sollte jede Person lesen, die verstehen möchte, was migrantisches Aufwachsen bedeuten kann. Fachkräfte der Sozialen Arbeit, die mit Familien mit Einwanderungsgeschichte arbeiten. Menschen ohne eigene Einwanderungsgeschichte, die einen Zugang suchen. 
Und genauso jene, die in diesen Seiten ihre eigene Kindheit wiederfinden wollen.

Man versteht nicht nur mehr, sondern man fühlt es auch. Man bekommt einen Blick in Lebensrealitäten, die sonst ständig übersehen werden. Und vielleicht das Wichtigste: Man erkennt, wie viel Stärke, Zerrissenheit und Liebe in diesen Biografien steckt. Für mich persönlich war dieses Buch ein Auslöser.  Vieles darin hat mich zu meiner Bachelorarbeit geführt, zu meinen eigenen Fragen über Parentifizierung, „Language Brokering“ und zum Aufwachsen zwischen unterschiedlichen Rollen und den Erwartungen, die damit verbunden sind. Es hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, diese Geschichten ernst zu nehmen und wissenschaftlich zu beleuchten.

 

Empfehlung von

Hasan Gökcen 

Kurs So23G

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Mama, bitte lern deutsch!

von Tahsim Durgun 

 

Umfang: 203 Seiten

Verlag: Knaur

ISBN: 978-3-426-56114-0

Preis: 18 €

Buch des Monats Oktober und November 2025:

worklove – ein Fragebuch 

Von der Liebe zur Arbeit und der Arbeit an der Liebe 

überraschend, tiefgründig und humorvoll

 

In einer Welt, in der KI und Social Media ständige Begleiter sind, in der alle senden und kaum einer zuhört, in einer solchen Welt gewinnen gute Fragen eine ungeheure Bedeutung für das eigene Selbstbewusstsein und die Selbst-
Akzeptanz. 

Die Autorinnen und Grafikerinnen Joni Marriott und Birte Spreuer stellen in worklove mehr als tausend Fragen mit Tiefgang und Intensität, mit Humor und liebevollem Ergründen wollen, mit Respekt und Widerhaken. Sie laden damit ein zu einem Gespräch über die wirklich wichtigen Dinge im Leben, zum Nach-, Um- und Weiterdenken. Dazu, Gewohnheiten und Regeln, Gelerntes und Dogmen zu hinterfragen, abzuklopfen und auf den Prüfstand der eigenen Werte und Wünsche zu stellen.

Jede oder jeder, der oder die sich ehrlich schon einmal gefragt hat, ob das, was da gerade im Leben geschieht, das ist, was sie oder er sich vom Leben versprach, weiß: es tut weh, da weiter zu bohren, wo man gern darüber hinweg sehen möchte. 
Wo man gesellschaftliche Normen als Ausrede vor sich selbst nutzt oder Schuldzuweisungen kultiviert, weil man am Kern ist. Am Kern des Problems. Da, wo die Lösung bereitliegt. Denn jede oder jeder der oder die sich diesen Fragen gestellt hat, weiß, wie wichtig diese Selbstreflexion ist. 

Dieses Buch ist eine Einladung, die Potenziale, Träume und Wünsche zu entdecken, die hinter den To-do-Listen und einem gefüllten Terminkalender darauf warten, entdeckt zu werden. 
Wir haben nur dieses eine Leben – und das verbringen wir durchgehend mit uns selbst. Grund genug, uns selbst besser kennenzulernen! 

Kleiner Tipp: Gemeinsam als Paar oder mit Freund*innen macht die Suche nach Antworten doppelt so viel Spaß.

 

Empfehlung von

Cornelia Fritsch, vom Team der Lerninsel

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worklove – ein Fragebuch

Von der Liebe zur Arbeit und der Arbeit an der Liebe 

überraschend, tiefgründig und humorvoll

von Joni Marriott und Birte Spreuer

 

Umgang: 260 Seiten

Verlag: hermann schmidt 

ISBN: 978-3-87439-986-9

Preis: 25 €